Tierärztliche Fakultät
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Geschichte der Tierärztlichen Fakultät München

von J.Peters und V.Weidenhöfer

1. Die Gründung der "Thier-Arzney-Schule" (1790)

2. "Thier-Arzney-Schule" (1790-1810)

3. "Central-Veterinär-Schule" (1810-1852)

4. "Königliche Central-Thierarzneischule" (1852-1890)

5. Königliche Tierärztliche Hochschule (1890-1914)

6. Tierärztliche Fakultät, erster Abschnitt (1914-1939)

7. Tierärztliche Fakultät, zweiter Abschnitt (ab 1945)

Tabellen- / Listenverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1. Dekret Karl Theodors vom 10. März 1790

Abbildung 2. Blick auf das Eingangstor um 1890

Abbildung 3. Lithographie der Tierarzneischule in München, Anfang 19. Jh.

Abbildung 4. Die Tierärztliche Fakultät in den dreißiger Jahren des 20. Jh.

Abbildung 5. Der Hof der Tierärztlichen Hochschule 1905

Abbildung 6. Die alte Lehrschmiede um 1905

Abbildung 7. Studenten im Jahr 1925 vor der Internen Klinik

Abbildung 8. Klinischer Unterricht im Freien im Sommersemester 1949

Abbildung 9. Die derzeitigen Gebäude der Tierärztlichen Fakultät

Abbildung 10. Das Konzept: Campus Oberschleißheim

Literaturverzeichnis


Die Gründung der "Thier-Arzney-Schule" (1790)

In einem feierlichen Dekret verfügte der Kurfürst von Pfalz-Bayern, Karl-Theodor, am 10. März 1790 die Gründung einer "förmlichen Thier-Arzney-Schule (Ecole vétérinaire)" am Rand des heutigen Englischen Gartens (Abb. 1) (1):

"Seiner Churfürstlichen Durchleucht Landesväterlichen Fürsorge für das allgemeine Beste Dero getreuen Unterthanen haben die Vortheile nicht verborgen bleiben können, welche dem Landmann durch Verbreitung der Thier-Arzneykunst bey einbrechenden Viehseuchen zur Verbesserung der Viehezucht, und Beförderung des Ackerbaues gewährt werden. Höchstdieselben haben also den gnädigsten Entschluß gefaßt eine förmliche Thier-Arzney-Schule (Ecole vétérinaire) in dem an dem hiesigen Militairischen Garten anliegenden, und hierzu bereits vollkommen hergestelten Gebäude zu errichten ...".

Ihre Eröffnung erfolgte formal am 1. Mai 1790, die ersten Vorlesungen begannen aber erst am 1. November 1790 (2). Leiter und erster Professor der Schule war der Medizinalrat Dr. med. Anton Will (1752-1821), der bereits 1785 und 1787 in zwei Denkschriften die Planung und Einrichtung der Münchener Lehrstätte ausgearbeitet hatte (3).

Will war während seines Medizinstudiums an der Universität Ingolstadt dem Anatomieprofessor Dr. H. P. Leveling wegen seines Geschicks in der Präparierkunst aufgefallen und von ihm als Prosektor[i] ausgewählt worden. Am 18. August 1781 erlangte er in Ingolstadt die medizinische Doktorwürde. Noch im gleichen Jahr wurde er "nach Errichtung eines Lehrstuhls für Veterinärkunde an der Universität Ingolstadt ... zum Professor für Tierarzneikunde erwählt und bestätigt und zwar mit der Erlaubnis, unter Fortbezug seines Prosektorgehaltes die Tierarzneischulen zu Wien, Lyon und Alfort zu besuchen" (4). Um seine veterinärmedizinischen Kenntnisse zu verbessern, reiste Will vom März 1782 bis August oder Oktober 1784 nach Straßburg, Lyon, Alfort, London und Dublin (5). Danach nahm er seine Lehrtätigkeit in Ingolstadt auf. "1786 wurde Will mit dem Titel eines Medizinalrats als oberster Tierarzt von Pfalzbayern nach München berufen und ihm das Referat über die Viehseuchen sowie deren Behandlung übertragen. Seine strengen Verordnungen entsprechen in einigen Punkten bereits den Grundsätzen moderner Seuchenbekämpfung. Bei der Unwissenheit der Landbevölkerung und derjenigen, die sich damals mit der Behandlung von Tierkrankheiten beschäftigten, machte es jedoch größte Schwierigkeiten, vernünftige Maßregeln zur Tilgung der Seuchen durchzusetzen. Dem "obersten Tierarzt" standen keine "unteren Tierärzte" zur Verfügung. Will betrieb deshalb die Errichtung einer Tierarzneischule in München und verdient, ihr eigentlicher Schöpfer genannt zu werden" (6).

Wie die anderen in dieser Zeit eingerichteten Tierarzneischulen sollte die Münchener Anstalt drei Ziele verfolgen:

1. die Bekämpfung einbrechender Viehseuchen
2. die Ausbildung "geschickter" Tierärzte
3. die Ausbildung guter Huf- und Kurschmiede für die Kavallerie.

Der Lehrkurs wurde auf 3 Jahre festgesetzt. Als Heimstätte erhielt die Schule die sogenannte "Jesuiterwasch" in der damals noch selbständigen Gemeinde Schwabing zugewiesen. Das Gelände hatte früher den Jesuiten, später dem Malteserorden gehört und "zum Unterhalt einer kleinen Ökonomie mit Viehstand, zur Reinigung der Wäsche und bei seiner einstigen Entfernung von den Grenzen der Stadt als zeitweiliger ländlicher Erholungsort für seine Besitzer gedient" (7). Es ist bis heute das Stammgelände der Tierärztlichen Fakultät geblieben. Die alten Ökonomiegebäude mußten den Bedürfnissen der Schule angepaßt werden. Als einziger Neubau ist das heute unter Denkmalschutz stehende Eingangstor zu erwähnen (Abb. 2). Das bisherige Wohnhaus für Dienstpersonal und Wäscher diente nun als Direktionsgebäude und Schulhaus. Es "enthielt im ersten Stocke die Wohnung des dirigierenden Professors[ii] mit einem kleinen (Konferenz-)Saal und die Apotheke, zu ebener Erde ein geräumiges Studierzimmer, ein kleines Zimmer für den Aufseher und eine Requisitenkammer, und in der Mansarde Schlafzimmer für die Eleven" (8), wie man die Schüler der Anstalt damals nannte. Das Gebäude mit dem Kuh- und Schweinestall sowie einer Dreschtenne wurde zum Tierspital mit 8 Abteilungen und 37 Pferdeständen umgewandelt. Als Anatomiegebäude diente der bisherige Wagenschuppen, und im ehemaligen Waschhaus fand die Lehrschmiede ihr Unterkommen (Abb. 3).

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"Thier-Arzney-Schule" (1790-1810)

Der Lehrplan, der in etwa den Entwürfen Wills von 1785 entsprach, unterteilte die dreijährige Ausbildung wie noch heute in jährlich 2 Semester (Lehrplan von 1792).

Obwohl Will an sich seinen Aufgaben gerecht wurde und ihm ab 1791 ein Pharmazeut und ein Schmiedelehrer sowie ab 1800 ein Prosektor und Repetitor[iii] beistanden, gedieh die Anstalt in den ersten 20 Jahren nicht. Nur wenige Personen "aus den niedersten Kreisen" wendeten sich dem Studium der Tierheilkunde zu. Laut Gründungs-Reskript konnten unentgeltlich 16 Zöglinge, 8 vom Zivil- und 8 vom Militärstand, aufgenommen werden und 16 weitere ohne Berücksichtigung des Standes gegen Entgelt. Obwohl Will gefordert hatte, daß seine Schüler Kenntnisse in Lesen und Schreiben haben sollten, war dieser Punkt nicht in das Gründungsdekret übernommen worden. Wie sich herausstellte, war dies "der größte Fehler, der die Ausbildung der Studenten und den Schulbetrieb von Anfang an gehemmt hat" (9). Aber auch die wochenlange Abwesenheit Wills zu Bekämpfung der Viehseuchen, der ständige Wechsel des zweiten Professors und Prosektors und die Überlastung des ganzen Personals infolge der Kriegswirren und der achtmonatigen französischen Besatzung Münchens beeinträchtigten den Unterricht.

Der Versuch durch ein "Allerhöchstes Reskript" im Februar 1800 auch Land- und Wundärzte zum Studium der Tierarzneikunde zu bewegen, scheiterte (10). Es half auch nicht, daß die bisherige militärische Verfassung der Schule aufgehoben wurde und sie nicht mehr dem Hofkriegsrat, sondern der General-Landes-Direktion unterstellt war (11).

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"Central-Veterinär-Schule" (1810-1852)

Unter der Regierung des Königs Maximilian I. Joseph, veranlaßt von dem geheimen Staatsminister Maximilian Graf von Montgelas, erfolgte mit dem "Organischen Edikt" vom 1. Februar 1810 eine gründliche Neuorganisation der Schule, die nun zur Central-Veterinär-Schule für das ganze Königreich erhoben wurde. In 32 Paragraphen werden Zweck und Aufbau der Schule bestimmt, die Stellung des Lehrpersonals geregelt, ein neuer Lehrplan aufgestellt, die Einteilung der Gebäude bestimmt, die Hörer gemäß ihrem Bildungsstand in Klassen eingeteilt, ihre Auswahl, Aufnahme, Prüfungen und Zeugnisse festgelegt und die Organisation der Schule sowie die Rechte und Pflichten der Tierärzte geordnet. Die Schule unterstand jetzt den Ministerien des Inneren und der Finanzen. Die Leitung übernahm der Oberstallmeister Freiherr von Kesling und nach dessen Tod von 1843-1851 Oberstallmeister Baron von Freyberg. Will blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1821 erster dirigierender Professor. In dieser Stellung folgte ihm von 1821-1851 Dr. med. Conrad Ludwig Schwab. Der planmäßige Lehrkörper bestand nun bis 1851 aus 3 ordentlichen Professoren und einem Schmiedelehrer, zeitweise außerdem aus einem Prosektor und einem Repetitor (Die Professoren und ihre Lehrverpflichtungen (1810-1851)). Als neu hinzugekommene Lehrfächer sind zu nennen: Allgemeine Naturgeschichte, Physik, Chemie, besondere Naturgeschichte der Haustiere, Diätetik, Arzneimittellehre und Rezeptierkunde, Viehzucht und Gestütskunde, gerichtliche Veterinärkunde und Geburtshilfe (Lehrplan 1810-1851). Außerdem erfolgte eine Einteilung der Hörer in drei Klassen - Ärzte, eigentliche Tierärzte und Huf- oder Kurschmiede.

Alles in allem bedeutete das Edikt von 1810 einen erheblichen Fortschritt und sorgte für einen großen Aufschwung im Unterricht und im Besuch der Schule.

Die Aufenthaltsbedingungen für die Schüler blieben spartanisch. Eine strenge Hausordnung regelte den Internatsbetrieb, z.B. durfte niemand die Anstalt ohne besondere Erlaubnis verlassen; wer dieses Gebot übertrat wurde entlassen (12).

Nach der Schulordnung oblag die Versorgung der kranken Tiere den Schülern. Sie hatten alle ihnen zugeteilten Patienten zu füttern, zu tränken und zu reinigen; sie mußten Tag und Nacht Stallwache leisten und die Ställe rein halten. Abwechslungsweise übernahmen sie Küchendienst, sorgten dabei für die Feuerung, hielten stets heißes Wasser bereit undrichteten die Medikamente her. Darüber hinaus hatten sie beim sogenannten Anatomiedienst alle beim Präparieren und bei Sektionen benützten Räume, Tische, Gerätschaften und Instrumente zu reinigen (13).

Seit Anfang der vierziger Jahre mehrten sich erneut Vorschläge zu Reformen an der Schule. Ihr Wegbereiter war Martin Kreutzer, der von 1827 bis 1830 an der Schule studiert hatte und die Zustände kannte. Er forderte eine zusätzliche Professorenstelle für die naturwissenschaftlichen Fächer, höhere Vorbildung der Schüler, eine vierjährige Studienzeit, die Aufhebung des Internats, den Ausbau der Sammlungen, die Einrichtung eines pharmazeutischen Labors, sowie einer ambulatorischen Klinik und einer Poliklinik.

Das "Allerhöchste Reorganisationsedikt", das König Maximilian II. von Bayern am 29. Mai 1852 erließ, vollzieht die meisten Vorschläge Kreutzers.

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"Königliche Central-Thierarzneischule" (1852-1890)

Diese neue Verordnung intensivierte den Unterricht. Als neue Lehrfächer an der jetzt als KöniglicheCentral-Thierarzneischule bezeichneten Anstalt kamen pathologische Anatomie, Poliklinik sowie "Reiten, Fahren und körperliche Übungen" hinzu. Die Institutseinrichtungen wurden durch einen Züchtungsstall für den Unterricht in Tierveredelung und der Geburtshilfe vermehrt. Die Zahl der Lehrkräfte stieg ab 1852 zunächst auf 4 Professoren und dann weiter an, so daß 1874 eine weitgehende Einteilung in Fachprofessuren erreicht war (Die Professoren und ihre Lehrverpflichtungen (1852-1890)). Die Vorlesungen in Physik und Chemie hörten die Schüler der Tierarzneischule von 1879 ab an der Technischen Hochschule München. Seit 1879/80 ist die Ophthalmologie ein weiteres Unterrichtsfach (Lehrplan der Central-Thierarzneischule um 1885).

Ein wichtiger Fortschritt für die Intensivierung des Unterrichts war, daß in dem Reorganisationsedikt von 1852 eine wesentlich höhere Vorbildung von den Studenten gefordert wurde und daß es nur mehr eine Klasse tierärztlicher Hörer gab. Voraussetzung war das Gymnasialabsolutorium[iv] oder das Absolutorium einer vollständigen Landwirtschafts- oder Gewerbeschule. Gymnasiasten mußten sich außerdem einer naturwissenschaftlichen Prüfung unterziehen, Landwirtschafts- und Gewerbeschüler hatten neben dem Absolutorium Zeugnisse der I. und II. Klasse der Lateinschule vorzulegen (14).

Ab dem Jahr 1869/70 wurde das Zwangsinternat aufgehoben. Jedoch mußten jeweils zwei Schüler eines Jahrganges abwechselnd im Institut wohnen, um Klinikdienste zu übernehmen (15).

Nachdem sich 1870 die süddeutschen Länder an den Norddeutschen Bund angeschlossen hatten, kam es 1872 zur Vereinheitlichung der Ausbildungs- und Approbationsvorschriften im ganzen Deutschen Reich. So erhielt die Gewerbeordnung des vormaligen norddeutschen Bundes von 1869 auch in Bayern Gültigkeit. Obwohl hier bereits die Einführung des Abiturs als Voraussetzung zum tierärztlichen Studium angestrebt wurde, erließ der Reichskanzler 1878 die Vorschrift, daß nur die Reife für die oberste Klasse des Gymnasiums bzw. einer gleichwertigen Lehranstalt als Vorbildung verlangt werde. Zusätzlich wurden auch die Bestimmungen für die tierärztliche Prüfung festgelegt. Diese bestand aus einem naturwissenschaftlichen Teil nach mindestens drei Semestern und einer tierärztlichen Fachprüfung nach mindestens 7 Semestern (16). Ab dem Jahr 1871 unterstand die Königliche Central-Thierarzneischule nicht mehr dem Handelsministerium, dem es seit 1852 untergeordnet war, sondern dem Kultusministerium (17).

Mit der neuen Gewerbeordnung wurde zwar auch zwischen 1869 und 1884 der Prüfungszwang für die Hufschmiede abgeschafft, es wurde aber weiterhin ein Lehrkurs für Schmiedegesellen abgehalten (18).

Mit der Reorganisation des Veterinärwesens in Bayern im Jahr 1872 wurden Landes-, Kreis- und Bezirkstierärzte eingeführt, denen ausschließlich die Tierseuchenbekämpfung oblag (19). Dadurch wurde eine fachmännische Vertretung bei den Kreisregierungen und der Staatsregierung geschaffen und die Tierärzte von der Oberaufsicht durch die Gerichtsärzte[v] befreit(20).

"In diesen Jahren gelang der Schule endgültig der Aufschwung von einer schlichten Ausbildungsstätte zu einer Stätte von Lehre und Forschung von hohem Rang, deren wissenschaftliche Leistungen der Ausbildung ihrer Schüler wie dem Ansehen des tierärztlichen Standes zugute kamen" (21).

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Königliche Tierärztliche Hochschule (1890-1914)

Anläßlich der 100-Jahrfeier am 28.7.1890 wurde die Königliche Central-Thierarzneischule zur Königlichen Tierärztlichen Hochschule erhoben.

Die Lehrkräfte, die in diesem Zeitraum den Unterricht bestritten, sind in Die Professoren und ihre Lehrverpflichtungen (1890-1939) aufgeführt.

Im Jahr 1891 wurde eine eigene Professur für Geburtshilfe, Tierzucht und Exterieur genehmigt (22).

In diese Phase des Hochschuldaseins fallen die größten Baumaßnahmen seit der Gründung der Lehrstätte (Abb. 4). Nachdem in den letzten fünfzig Jahren ein Neubau für die Anatomie und die Pathologie, die Klinik, die Schmiede und ein sogenannter Kollerstand, eine gut gepolsterte Hütte für tobenden Pferde, errichtet worden war, entstand in den Jahren 1896-1900 das 150 m lange Hauptgebäude entlang der Königinstraße (Abb. 5). Im Südbau zog die Chirurgische, im Nordbau die Medizinische Tierklinik ein. Den Mittelbau belegten die Poliklinik, der Lehrstuhl für Geburtshilfe, die Bibliothek und die Lehrstühle für Zoologie und Botanik. Ebenso wurde dem Lehrstuhl für Physiologie und Pharmakologie im Wintersemester 1891/92 ein neues Gebäude zu Verfügung gestellt. Im Nordosten des Geländes wurde 1901/2 die Klinik für kleine Haustiere errichtet. Gleichzeitig wurde auch das Institut für Hufkunde und Hufkrankheiten und die Staatliche Lehrschmiede, die nicht zum Verband der Hochschule gehörte, an der Königinstraße im Anschluß an das Gebäude der Medizinischen Klinik errichtet (Abb. 6).

Als Vorbildungsnachweis zum Studium der Tiermedizin wurde vom 1. April 1903 an endlich das Reifezeugnis eines Gymnasiums, einer Oberrealschule oder einer gleichwertig anerkannten höheren Lehranstalt festgelegt.

Im gleichen Jahr werden erstmals auch Frauen zu den Vorlesungen zugelassen, allerdings zunächst nur mit ministerieller Genehmigung. Die Frauen wählten alle möglichen Studiengänge, nur nicht Tiermedizin. Zu groß waren damals die Ressentiments gegen Frauen in diesem Beruf. Daran änderte sich lange Zeit nichts. Erst 1923 wagte es eine Frau, Silvia von Bornstedt, sich für den Studiengang Tiermedizin in München einzuschreiben (Abb. 7). Sie verließ 1927 die Alma mater nach bestandenem Staatsexamen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Situation total geändert. Die Zahl der Tiermedizinstudentinnen nimmt seitdem ständig zu, und zwar nicht nur in München. Hier waren im Sommersemester 1999 mehr Frauen (ca. 80 %) als Männer für diesen Studiengang immatrikuliert.

Die Universitätsreife als Voraussetzung zum Tierärztlichen Studium öffnete den Weg zum Promotionsrecht. Seine Einführung stieß für die Tierärztlichen Hochschulen jedoch auf kleinliche Widerstände, die erst bis 1910 überwunden werden konnten, als die Münchener Tierärztliche Hochschule als erste Anstalt in Deutschland das selbständige Promotionsrecht und auch den Titel Dr. med. vet. durchsetzte.

Von dem Recht zur Promotion zum Doctor medicinae veterinariae machte das Professorenkollegium Ende 1910 zum ersten Mal Gebrauch und verlieh dem Prinzen Ludwig von Bayern, dem späteren König Ludwig III., als dem "eifrigen Förderer der tierärztlichen Wissenschaft, dem erfahrenen und vorbildlich wirkenden Tierzüchter, dem hochherzigen Gönner der Tierärztlichen Hochschule" die Würde eines Ehrendoktors (23). Im Laufe der Zeit kamen Ehrenpromotionen hinzu, darunter nur eine Frau, Marianne Plehn, die sich um die Erforschung der Krankheiten und der vergleichenden Pathologie der Fische verdient gemacht hatte (24). Die Anzahl der im Prüfungsverfahren erworbenen Doktorgrade beläuft sich derzeit auf ca 180.

Noch vor der Erteilung des Promotionsrechts, im Frühjahr 1910, erhielt die Hochschule eine Habilitationsordnung und damit die Möglichkeit, die Lehrkräfte aus den eigenen Reihen zu ergänzen. Am 1. April 1913 brachte die längst geforderte neue Prüfungsordnung das 8. Semester als Voraussetzung, die tierärztliche Prüfung ablegen zu können. Die tierärztliche Vorprüfung bestand aus dem naturwissenschaftlichen Abschnitt nach dem 3. Semester und dem anatomisch-physiologischen Teil nach einem weiteren Halbjahr.

Mit der Einführung des Promotions- und Habilitationsrechtes und der Gleichstellung der Hochschullehrer mit den Universitätsprofessoren (1892) lag die Angliederung der Hochschule an die benachbarte Universität nahe (25). Am 1. Dezember 1913 stimmte der Akademische Senat der Universität München für diese Angliederung. Das Kultusministerium zog die dazu notwendigen Maßnahmen zügig durch und am 1. Oktober 1914, in den ersten Tagen des ersten Weltkrieges, war die Eingliederung in die Ludwig-Maximilians-Universität erreicht. Damit war in Deutschland die Münchener Tierärztliche Lehrstätte die erste selbständige Fakultät einer Universität geworden.

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Tierärztliche Fakultät (seit 1914)

Mit der Aufnahme der Tierärztlichen Fakultät zählte die Ludwig-Maximilians-Universität München 7 Fakultäten: Die theologische, die juristische, die staatswirtschaftliche, die medizinische, die tierärztliche, die philosophische Fakultät, I. Sektion und die philosophische Fakultät, II. Sektion (Naturwissenschaften). Als Talar- und Barettfarbe wählte man für die Tierärztliche Fakultät braun. Zu dieser Zeit dauerten die Amtszeiten der Dekane (Dekane der Tierärztlichen Fakultät) ein Jahr.

a)Erster Abschnitt (1914-1939)

Während des ersten Weltkriegs wurde der Lehrbetrieb ohne Unterbrechungen fortgeführt.

Der Lehrkörper der Tierärztlichen Fakultät in der Zeit zwischen 1914 und 1939 sowie der Lehrplan aus dem Jahr 1923/24 sind in Die Professoren und ihre Lehrverpflichtungen (1890-1939) und Lehrplan der Tierärztlichen Fakultät im Sommersemester 1923 dargestellt.

Auf Anregung des Professors Dr. phil. Leonhard Vogel wurde das Institut für Tierzucht als eigenständige Einrichtung vom Institut für Geburtshilfe abgetrennt (26). 1921 wurde auch für die Tierhygiene eine ordentliche Professur eingerichtet. Sitz des Instituts waren ab 1923 Räume, die durch Aufstockung des Mittelbaus gewonnen wurden. Bis nach dem zweiten Weltkrieg konnten keine größeren Bauvorhaben mehr durchgeführt werden.

Der Lehrstuhl für Botanik wurde 1928 aufgelöst. Die Vorlesungen werden seitdem im Rahmen eines Lehrauftrages gehalten (27).

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren alle deutschen Hochschulen geschlossen worden, doch schon zum 11. September 1939 nahmen „die Universitäten Berlin, Wien, München, Leipzig und Jena, die Technischen Hochschulen in Berlin und München, die Tierärztliche Hochschule in Hannover und die Wirtschaftshochschule in Berlin ihren Lehrbetrieb“ wieder auf (28). An der Münchener Universität blieb die Tierärztliche Fakultät geschlossen (29). Die Gründe sind vielfältig und bis jetzt unvollständig geklärt. Tatsache ist, daß es trotz intensiver Bemühungen nicht gelang, während des Krieges eine Wiedereröffnung zu erreichen. In den letzten Kriegsjahren wurden die Gebäude der Fakultät durch Bomben stark beschädigt.

Trotz allem konnte Frau Dr. Irmgard Sassenhoff (später Gylstorff) in den Laboratorien des Pferdelazaretts auf dem Oberwiesenfeld die anfallenden Untersuchungen des Instituts für Tierpathologie weiterhin durchführen. Ihre Anwesenheit und ihr Einsatz sicherten der Tierärztlichen Fakultät die weitere Nutzung dieses Geländes (30).

b) Zweiter Abschnitt (ab 1945)

Als nach dem Krieg einige Mitglieder des Kollegiums der Tierärztlichen Fakultät ihre Tätigkeit wieder aufnehmen wollten, war zunächst die Hürde der politischen Entlastung zu überwinden. Für die Professoren Demoll, Hilz und Westhues war das kein Problem. Die amerikanische Militärregierung bestätigte sie als Ordinarien und Instituts- bzw. Klinikdirektoren. Hilz lud die Bürde des Dekans auf sich.

Mit den ersten Aufräumungs- und Wiederherstellungsarbeiten wurde die Wiedereröffnung der Tierärztliche Fakultät beantragt (31). Die Vorlesungen begannen am 18. November 1946, allerdings zunächst nur für die vorklinischen Semester. Demoll las die Zoologie, Hilz, eigentlich Pharmakologe, übernahm die Physiologie und der Chirurgieprofessor Westhues die Anatomie. Der Unterricht in Physik fand im Hauptgebäude der Universität (Hörsaal 311) statt, die Botanikvorlesungen im Anatomiegebäude an der Pettenkoferstraße. Vordringlich galt die Sorge der Fakultät der Gewinnung zusätzlicher Lehrkräfte. Erst im Jahre 1950 war der Wiederaufbau des Lehrbetriebes im wesentlichen abgeschlossen (Die Institute bzw. Kliniken und ihre Vorstände ab 1945).

Die Notlage in der Nachkriegszeit betraf aber ebenso den Zustand der Gebäude und die äußeren Bedingungen des Unterrichtes, von der Forschung ganz zu schweigen. Die Institute der Anatomie und Pathologie arbeiteten am Oberwiesenfeld auf engstem Raum und unter unzulänglichen hygienischen Bedingungen. Die Infektionsgefahr durch eingeschicktes Material und Kadaverteile war erheblich. Als "Theatrum anatomicum" wurde eine Hallengarage auf dem Oberwiesenfeld hergerichtet. Wegen des Platzmangels saßen die Studenten zu den Präparierübungen im Sommer zum Teil im Freien (Abb. 8). Auch die Chirurgische und die Geburtshilfliche Klinik zogen in das ehemalige Pferdelazarett auf dem Oberwiesenfeld. Die Innere Klinik besaß einen Stallraum für 1-2 Großtiere und die ruinenhaften Räume der Kleintierabteilung, wo sich der Betrieb der Poliklinik abspielte. Das pharmakologische und hygienische Institut, die Bibliothek, das Dekanat und die Verwaltung waren im Gebäude der ehemaligen Chirurgischen Klinik untergebracht. Die Vorlesungen der übrigen Institute, die meist nur dem Namen nach existierten, fanden im Hörsaal der ehemaligen Chirurgischen Klinik statt.

In der Zeit bis 1965 erfolgte der Wiederaufbau der Gebäude der Institute und Kliniken und die Aufteilung bzw. Neuerrichtung zahlreicher Lehrstühle, um der zunehmenden Spezialisierung der Tiermedizin in Lehre und Forschung gerecht zu werden. Das traditionelle Gelände am Englischen Garten hatte sich seit Jahrzehnten als zu klein erwiesen. Deshalb hatte man schon vor dem ersten und zweiten Weltkrieg geplant, die Fakultät an die nördliche Peripherie der Stadt zu verlegen, was aber beide Male durch den Kriegsausbruch vereitelt wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg gelang es, das Stammgelände auf das Terrain der ehemaligen Hofbaumschule, das im Norden an die Tierärztliche Fakultät grenzte, auszudehnen. Dort wurde im Laufe der fünfziger Jahre der Gebäudetrakt der Kliniken errichtet, in dem auch das pharmakologische Institut untergebracht ist (Abb.9). Am Südende des Klinikkomplexes wurde 1956/7 die Fakultätsbibliothek angebaut. 1960 wurde der Neubau der Pathologie und der Tierhygiene eingeweiht. An der Stelle des Nordflügels der alten Klinik bezog 1962 die Anatomie ihre neuen Räume. Das Nachbargebäude beherbergt das Institut für Nahrungsmittelkunde. Im Mittelbau sind Tierzucht, Fakultätsapotheke und Dekanat untergebracht. Das alte Chirurgiegebäude wurde von der Physiologie übernommen. Teile der Fakultät fanden aber keinen Platz auf dem Stammgelände. Das Zoologisch-Parasitologische Institut erhielt gemeinsam mit der Bayerischen-Biologischen Versuchsanstalt 1963 einen Neubau in der Kaulbachstraße 37, in dem auch seit dem Jahr 2000 das Institut für Paläoanatomie und Geschichte der Tiermedizin untergebracht ist. Die Institute für Tropenmedizin der Tierärztlichen und der Medizinischen Fakultät wurden 1969/70 an der Ecke Leopold-/Georgenstraße errichtet. Seit 1956 besteht das Lehr- und Versuchsgut in Oberschleißheim. Dort bekam auch das Institut für Geflügelkunde 1992 einen Neubau. Das Gelände am Oberwiesenfeld wird nach wie vor von mehreren Kliniken und Instituten genutzt. Der Lehrstuhl für Molekulare Tierzucht und Haustiergenetik ist dem Genzentrum der LMU-München in Großhadern zugeordnet. Auf dem Moorversuchsgut Badersfeld widmet man sich der gen- und biotechnologischen Forschung.

Die Stagnation in der wirtschaftlichen Entwicklung seit Mitte der 60er Jahr beeinträchtigte weiter den Ausbau der Kliniken und Institute. Die Universitätsreform von 1972/73 führte zur Zusammenlegung mehrerer Lehrstühle zu Großinstituten und Großkliniken.

Langfristig ist geplant, alle Einrichtungen der Tierärztlichen Fakultät, die momentan über das Stadtgebiet Münchens verstreut sind, auf ein eigenes Areal nach Oberschleißheim zu verlegen. Dort soll auf Etappen ein "Campus Oberschleißheim" entstehen (Abb.10). Dies hätte den Vorteil, daß durch die räumliche Nähe die Zusammenarbeit aller Disziplinen in Forschung und Lehre gefördert würde.

Zur Zeit (WS 2000/2001) besteht die Tierärztliche Fakultät aus 15 Instituten bzw. Kliniken und dem Lehr- und Versuchsgut in Oberschleißheim. Der Lehrkörper der Tierärztlichen Fakultät setzt sich derzeit aus 24 C4-Professoren, 14 C3-Professoren, 1 Honorarprofessor, 14 außerplanmäßigen Professoren und 18 Privatdozenten zusammen. Insgesamt verfügt die Fakultät über 190 Planstellen im wissenschaftlichen Bereich und 370 Stellen für nicht wissenschaftliches Personal. Rund 1450 Studierende sind an der Fakultät eingeschrieben, jährlich nehmen 240 bis 250 Abiturienten das Studium neu auf (32).

Das tierärztliche Studium hat eine Regelstudienzeit von 11 Semestern. Die tierärztliche Vorprüfung besteht aus dem Vorphysikum und dem Physikum, die tierärztliche Prüfung ist in drei Abschnitte unterteilt, die normalerweise nach dem 7. und 9. Semester und am Ende des Studiums abgelegt werden. Eine zusätzliche praktische Ausbildung erfolgt während der vorlesungsfreien Zeit in der kurativen Praxis, in einer Tierklinik oder in einer anderen, fachbezogenen Ausbildungsstätte, sowie an einem Schlachtbetrieb und im Bereich der Lebensmittelkontrolle (s. "Approbationsordnung für Tierärztinnen und Tierärzte").

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[i] Arzt, der Sektionen durchführt

[ii] beaufsichtigte die Ausführung des Lehrplans und die Einrichtungen der Schule

[iii] bereitet Studierende durch Wiederholung des Lehrstoffs auf das Examen vor

[iv] Gymnasialabschluß

[v] Amtsärzte


Literatur:

(1) SCHÄFFER, J.: Anton Joseph Will (1752-1821) - Der "erste rationelle Thierarzt in Baiern" und die Gründung der Tierarzneischule München. Sonderdruck aus: Oberbayerisches Archiv, 181-230, München 1992, 211

(2) SCHÄFFER 1992: 212, 216

(3) SCHÄFFER 1992: 196 ff.

(4) HAHN, C. und F. VIANDT: Geschichte der K.B. Zentral-Tierarzneischule München 1790-1890. München 1890, 220

(5) SCHÄFFER 1992: 192, 193

(6) BOESSNECK, J.: Chronik der Tierärztlichen Fakultät. Sonderdruck aus: Die Ludwig-Maximilians-Universität in ihren Fakultäten, 281-346, Berlin 1972, 282

(7) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 15

(8) HAHN, C. und F. VIANDT l890: 16

(9) SCHÄFFER 1992: 196

(10) ERXLEBEN, H.-S.: Die Entwicklung des klinischen Unterrichtes an der Tierarzneischule in München von der Gründung 1790 bis 1890. Diss. München 1956, 31

(11) BOESSNECK 1972: 288

(12) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 34

(13) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 39-41

(14) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 70

(15) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 109

(16) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 97

(17) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 128

(18) MÜLLER, K.A. von (Hrsg.): Die wissenschaftlichen Anstalten der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. München 1926, 137

(19) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 211

(20) HAHN, C. und F. VIANDT 1890: 218

(21) BOESSNECK, J. 1972: 298

(22) BOESSNECK, J. 1972: 303

(23) EICHHORN, E.: Beiträge zur Geschichte der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Diss. München 1951, 14

(24) KATZENBERGER, E.: Marianne Plehn (1863-1946) - Eine bedeutende Fischpathologin, Diss. München 1994, 86

(25) BOESSNECK, J. und A. von den DRIESCH: Die Geschichte der tierärztlichen Ausbildungsstätte in München. In: DRIESCH, A. von den (Hrsg.): 200 Jahre tierärztliche Lehre und Forschung in München, Stuttgart 1990, 14

(26) KOCH, W.: Die Tierärztliche Fakultät Münchens in den 20er Jahren. München 1972, 45

(27) BOESSNECK, J. 1972: 314

(28) VÖLKISCHER BEOBACHTER vom 26.1.1934, "Von der Arbeit unserer tierärztlichen Institute und Kliniken".

(29) PSCHORR, W.: Zur Entwicklungsgeschichte der Tierärztlichen Fakultät der Universität München. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift. 10: 198-202, 1950, 201

(30) GYLSTORFF, I.: Die Fakultät im Dritten Reich. In: DRIESCH, A. von den (Hrsg.): 200 Jahre tierärztliche Lehre und Forschung in München, Stuttgart 1990, 37

(31) BOESSNECK, J.: 175 Jahre Tierärztliche Ausbildungsstätte in München. München 1965, 60

(32) Broschüre: Tierärztliche Fakultät. Ludwig-Maximilians-Universität München, Tierärztliche Fakultät (Hrsg.), München 1999